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Hirtenbrief 2011

Reaktionen zum Hirtenbrief



Hörproben aus der neuen CD:

"Wir können unmöglich schweigen." (APG 4,20)

1. Herr, wir können nicht schweigen (T: Apostelgeschichte 3 und 4; M: Ch.Ortner)

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2. Wir sind getauft auf Christi Namen (T:/M: U. Hagemann)

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17. Du führst mich hinaus ins Weite (T: Psalm 18; M: U. Hagemann)

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18.   Hoffe auf den Herrn (T: Psalm 27; M: A. Schätzle)

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Hirtenbrief und Dialog
© Erzdiözese-Wien.at

Anmerkungen zum Hirtenbrief von Kardinal Schönborn vom 15. Mai 2011
aus der Sichtweise von Kirchenhistoriker P. Dr. Martin Leitgöb CSsR

Am Sonntag, dem 15. Mai 2011, sollte bei allen Gottesdiensten in der Erzdiözese Wien die Kurzfassung des Hirtenbriefes von Erzbischof Kardinal Dr. Christoph Schönborn bezüglich der Weiterführung des Prozesses APG 2010 verlesen werden.

Kardinal Schönborn greift mit dem Medium „Hirtenbrief“ auf ein traditionelles Mittel der Kommunikation zwischen dem Bischof und seinem Diözesanvolk zurück (vgl. zur Geschichte der Hirtenbriefe einige Stichpunkte ganz unten). Zugleich aber setzt er deutlich neue und zukunftsweisende Akzente im Umgang mit diesem Kommunikationsmittel.

Erstens fällt auf, dass dieser Hirtenbrief für die österliche Zeit – genauer für den Guten-Hirten-Sonntag – zur Verlesung ausgesandt wurde. Seit dem 18. Jahrhundert hat sich in den Diözesen des deutschsprachigen Raumes die Tradition von Fastenhirtenbriefen entwickelt. Diese Tradition wird bis in die Gegenwart von vielen Bischöfen praktiziert. Hirtenbriefe in anderen kirchlichen Jahreszeiten werden bis heute selten verfasst.

Der jüngste Hirtenbrief von Kardinal Schönborn signalisiert mit dem Datum seiner Verlesung österliche Dynamik und vorpfingstliche Hoffnung. Diese zeitliche Platzierung des Hirtenbriefes entspricht damit dem, was der Hirtenbrief als Grundanliegen inhaltlich transportiert. Zugleich zeigt die Verlesung am Guten-Hirten-Sonntag, dass sich der Verfasser des Hirtenbriefes seiner Hirtenaufgaben für die ihm anvertraute Erzdiözese in der Nachfolge des Guten Hirten Jesus Christus deutlich bewusst ist und das er diese Aufgabe auch bereit ist, tatkräftig in Anspruch zu nehmen.

Eine zweite Beobachtung: Die Praxis des Hirtenbriefschreibens hat sich in den Jahrhunderten, seitdem es das Medium „Hirtenbrief“ gibt, immer wieder verändert. Doch gab es auch starke Kontinuitätsmerkmale. Das Gros der Hirtenbriefe im 19. und 20. Jahrhundert hatte einen stark katechetisch-kerygmatischen Charakter. Bis in die Zeit vor dem Zweiten Vatikanischen Konzil waren die Hirtenbriefe zudem häufig durch einen ermahnenden, paränetischen Tonfall geprägt. Thematisch ging und geht es bis heute in Hirtenbriefen meist um Grundanliegen des christlichen Glaubens und Lebens.

Der Hirtenbrief von Kardinal Schönborn ist dahingegen wichtigen Anliegen der Kirchenreform gewidmet: dem Miteinander-Kirche-Seins, dem Aufbau und der Stärkung christlicher Gemeinden, der Zukunftsfähigkeit der Katholischen Kirche in der Erzdiözese Wien und nicht zuletzt der Mission vor Ort in dieser Erzdiözese. Der Hirtenbrief will in großer Transparenz einen Entwicklungsweg der Erzdiözese voranbringen und auf diesem Weg zugleich einige Markierungspunkte setzen. Gegenüber der bisherigen Hirtenbrieftradition ist diese Themenstellung eine ziemliche Neuheit, die sich allerdings schon am Hirtenbrief von Kardinal Schönborn zur Eröffnung des Prozesses APG 2010 im Jahre 2009 gezeigt hat.

Daran schließt sich eine dritte Beobachtung an: Der Hirtenbrief vom 15. Mai 2011 sollte in den Gottesdiensten in einer Kurzform verlesen werden. Dazu bietet Kardinal Schönborn aber auch eine Langform an, die er für das Studium und die gemeinsame Reflexion in den verschiedensten kirchlichen und pfarrlichen Gremien, Gruppierungen und Runden empfiehlt. Es besteht auch die Einladung, Rückmeldungen zu diesem Text zu geben. Um dies zu ermöglichen, hält die Homepage von APG 2010 sogar eine entsprechende Vorrichtung zur digitalen Meinungskundgabe bereit.

Das Medium „Hirtenbrief“ wird mit dieser Einladung von Kardinal Schönborn methodisch in markanter Weise neuinterpretiert. Ein solcher Hirtenbrief ist nicht der Ausdruck von „Einbahnkommunikation“ zwischen einem Bischof und seinen Diözesanen, sondern von einem dialogischen Kirchenverständnis geprägt. Ausdrücklich spricht Kardinal Schönborn die während der großen Diözesanversammlungen gemachten Erfahrungen mit dem „offenen Mikrofon“ an und wirbt dafür, diesen Stil im Einander-Sagen von Anliegen beizubehalten. Dem entspricht im Übrigen auch, wenn der Kardinal am Beginn seines Hirtenbriefes (Langfassung) relativ ausführlich seine eigenen Wahrnehmungen von den Diözesanversammlungen erzählt. Dies signalisiert, dass er sich als einen wahrnehmenden und zuhörenden Hirten versteht und dass er solcherart Wahrnehmung und Zuhören zu den wichtigsten Komponenten in seinem eigenen bischöflichen Selbstverständnis zählt.

Zuletzt ist anzumerken, dass beide Versionen des Hirtenbriefes von Kardinal Schönborn in einer sprachlichen Form verfasst sind, die eingängig, verständlich, sensibel und in erfrischender Weise erbaulich ist. Sie lässt nicht den Gestus und das Pathos einer Rede „von oben herab“ erkennen, sondern legt den Eindruck nahe, dass sich der Verfasser auf Augenhöhe mit den Rezipienten seines Hirtenbriefes sieht. Die Langfassung des Hirtenbriefes wird zudem in einer modernen, freundlichen und ansprechenden Broschüre präsentiert. Dies ist vor dem Hintergrund der langen Hirtenbrieftradition in der Katholischen Kirche ebenfalls ziemlich neu.

Es ist zu hoffen, dass das Dialogangebot des Kardinals auf den verschiedensten Ebenen und in den verschiedensten Bereichen der Erzdiözese nun tatsächlich wahrgenommen wird und dass es damit gelingt, die Apostelgeschichte für die heutige Situation der Kirche in gemeinsamer Verantwortung weiterzuschreiben.

Stichpunkte zur Geschichte des Mediums „Hirtenbrief“:

- Hirtenbriefe, wie wir sie heute kennen, wurden erst seit dem Konzil von Trient (1545-1563) in der Katholischen Kirche üblich, haben aber ihr Vorbild in der altkirchlichen Briefliteratur, deren maßgebliche Exponenten Paulus, Polykarp von Smyrna und Johannes Chrysostomus waren.
- Das Konzil von Trient schärfte den Bischöfen die Hirtenaufgabe neu ein. Zudem hob es die Aufgabe der Predigt als eine der wesentlichen bischöflichen Amtspflichten hervor. Damit war die Praxis der Hirtenbriefe impulsartig angestoßen. Mit dem nicht lange zuvor erfundenen Buchdruck war zudem eine wesentliche Vorbedingung für die Verbreitung von Hirtenbriefen gegeben.
- Einer der ersten großen Hirtenbriefschreiber war in der Zeit nach dem Konzil von Trient der hl. Carlo Borromeo als Bischof von Trient. Hirtenbriefe waren für ihn ein probates Mittel der Durchsetzung von diözesanen Bestimmungen im Sinne der nachtridentinischen Kirchenreform und damit der bischöflichen Leitungsaufgabe.
- Eine größere Verbreitung fand das Medium „Hirtenbrief“ erst im 18. Jahrhundert. Vielfach widmeten sich die Bischöfe in ihren Schreiben Fragen der kirchlichen und religiösen Disziplin, der Liturgie, des Religionsunterrichts oder des kirchlichen Brauchtums. Oftmals hatten die Hirtenbriefe den Charakter von „Pastoralinstruktionen“.
- Im 19. Jahrhundert erhielt das Medium „Hirtenbrief“ den Charakter von Lehr- und Mahnschreiben in Angelegenheiten des Glaubens, der Sitte, der Frömmigkeit und des gesellschaftlichen Lebens. Oftmals spiegelten diese Schreiben die scharfe Auseinandersetzung mit den der Kirche entgegengesetzten Strömungen, etwa Liberalismus, Sozialismus u.ä.
- Im 20. Jahrhundert hatten die Hirtenbriefe vor allem in der Zeit der nationalsozialistischen Diktatur als Mittel des Protestes bzw. der Leitung in schwieriger Zeit große Bedeutung. Ansonsten blieb der Charakter von Lehr- und Mahnschreiben erhalten.
- Eine besondere Textsorte waren immer schon die sogenannten Antrittshirtenbriefe, mit denen sich neuernannte bzw. neugeweihte Bischöfe ihren Diözesen vorstellten und die Grundlinien ihres Aufgabenprogrammes umrissen. Als weitere besondere Form der Hirtenbriefe bildeten sich vor allem im 20. Jahrhundert gemeinsame Hirtenbriefe von Bischofskonferenzen heraus. Darin ging es häufig um Themen von gesellschaftlicher oder politischer Bedeutung.
- Allgemein aber war die Bedeutung des Mediums „Hirtenbrief“ in den letzten Jahrzehnten mit den verschiedensten Möglichkeiten der kirchlichen Meinungsäußerung im Zeitalter der Massenkommunikation wie auch im Zusammenhang mit manch krisenhaften Phänomenen rund um das Bischofsamt stark im Abnehmen begriffen. Der Hirtenbrief von Kardinal Schönborn ist gerade vor dem Hintergrund dieses Bedeutungsverlustes bemerkenswert.

Vgl. Martin Leitgöb, Vom Seelenhirten zum Wegführer. Sondierungen zum bischöflichen Selbstverständnis im 19. und 20. Jahrhundert. Die Antrittshirtenbriefe der Germanikerbischöfe (1837-1962), Rom-Freiburg-Wien (Verlag Herder) 2004, bes. 36-58.

(P. Dr. Martin Leitgöb CSsR)


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