Predigt vom 15.10.2010
 kathbild.at/rupprecht

Homilie in der Messe am 15.10.2010 um 11:30 Uhr im Stephansdom im Rahmen der dritten Diözesanversammlung „Apg 2010“, Dr. Richard Tatzreiter

Liebe Schwestern und Brüder im gemeinsamen Priestertum der Getauften, liebe Mitbrüder im ordinierten Dienst als Bischöfe, Presbyter und Diakone!

 Meine Wohnung liegt gleich unter dem Dach im dritten Stock des Priesterseminars. Aus einem meiner Fenster kann ich direkt auf die Bäume und den Parkplatz vor dem Haus schauen. Eines Tages wundere ich mich, als ich durch die Fensterscheibe blicke: Warum wirkt der gewohnte Ausblick plötzlich eigenartig verändert? Die Bäume scheinen ein wenig aus der Form geraten, stämmiger als sonst, und auch die Häuser dahinter stehen wuchtig da wie kleine Festungen – ganz fremd und irgendwie komisch verzerrt. Da merke ich: die Fensterscheibe hat drei kleine Sprünge, die eine Art Wölbung erzeugen, die ich auf den ersten Blick nicht gesehen habe. Diese Wölbung im Fenster verzerrt mir den Ausblick, verfremdet, was sich mir zeigen will. Durch einen kleinen gebrochenen Fensterteil, dessen Scheiben nicht gerade sind, ist die Wirklichkeit verbogen.

Eine Art von Unebenheit und Verbiegung deckt Jesus bei einer Gruppe religiöser Profis auf, die Pharisäer heißen. Sie sind Menschen, die sich im Volk Israel besonders intensiv um die Beziehung mit Gott bemühen und danach trachten, seinen Willen in ihrem Leben zu erkennen und zu erfüllen. Gerade an ihnen kritisiert der Herr exemplarisch die Heuchelei und warnt vor ihr. Das griechische Wort für „Heuchelei“ („hypókrisis“)  kommt übrigens aus der Sprache des Theaters und bedeutet soviel wie: „eine Rolle spielen“. Die handelnde Person ist als Schauspieler in einem Stück auf der Bühne anders als sonst auf den Schauplätzen des alltäglichen Lebens. Jesus sagt im Evangelium denen, die ihm zuhören, sinngemäß: Passt auf! Trotz aller Transparenz auf Gott und die anderen Menschen hin, können diese Grundbeziehungen durch Fehleinstellungen verzerrt werden: Wort und Tat, Frömmigkeit und Verhalten im Alltag entsprechen einander nicht mehr, sind dann wie einzelne Bruchstücke einer desolaten Fensterscheibe. Da ist etwas schief, nicht gerade. Da ist etwas gebrochen, nicht heil. Auf diese Schieflagen und Brüche weist der Herr hin und bringt damit etwas in Gang.

Wir wissen aus eigener Erfahrung, wie solche Unebenheiten die Glaubwürdigkeit eines Gott-gemäßen Lebens herabsetzen. Wie die Sprünge und Unebenheiten im Fensterglas verzerren sie den Blick nach beiden Richtungen - hinaus und hinein, auf die Welt und die anderen Menschen, auf Gott, ja sogar das eigene Ich wird im Spiegelbild eines solchen Fensters verbogen.

Liebe Schwestern und Brüder – die Glaubwürdigkeit unseres eigenen christlichen Lebens und die Glaubwürdigkeit der kirchlichen Gemeinschaft ist öffentlich ziemlich strapaziert worden; mehr denn je steht jetzt viel auf dem Spiel!

Es genügt nicht, sich da und dort auf Christus und auf seine Weisung zu berufen. Das Wort Jesu ist lebendig und anspruchsvoll, es nimmt ganz und gar in Anspruch. Wir haben gelernt, dass dieses Wort in die Wahrheit führt, die wirklich frei macht: „Nichts ist verhüllt, was nicht enthüllt wird und nichts ist verborgen, das nicht bekannt wird. Deshalb wird man alles, was ihr im Dunkeln redet, am hellen Tag hören und was ihr einander hinter verschlossenen Türen ins Ohr flüstert, das wird man auf den Dächern verkünden.“

Wir sehnen uns in unserer Versammlung nach ungebrochenem Vertrauen, nach Aufrichtigkeit, nach Gradheit. Nach Gradheit, die von Jesus ausgeht. In ungebrochener Transparenz sagt er: „Wer mich sieht, sieht den Vater.“ Wir sehnen uns danach, dass Gott seinen „Masterplan“ verwirklicht. Wir wünschen, dass andere durch uns hindurch  unverfälscht und unverstellt nach der Gegenwart Gottes Ausschau halten können in dieser Welt, in dieser unserer Gesellschaft, in dieser unserer Ortskirche. Welche Brüche müssen da repariert, welche Strukturen verändert werden, damit wir als Kirche heute Fenster Gottes für die Menschen sind, für alle, die ihn suchen – die bewusst oder unbewußt, die sehnsuchtsvoll nach ihm Ausschau halten? Welcher Erneuerung bedarf heute dieses Fenster, durch das Gott erkannt werden will, wie er wirklich ist?

Schwestern und Brüder – Bei unserer gemeinsamen Suche nach Antworten und Lösungen wird uns an diesem Tag eine Frau vor Augen gestellt, die im 16. Jahrhundert gelebt hat, also in einer Zeit, in der die Glaubwürdigkeit der Kirche nach versäumten Reformen und dem Bruch ihrer Einheit schwer beschädigt war; unter den Folgen dieses Bruchs leiden wir bis heute! Aber da ist diese eine Frau, die nicht nur ihre Ordensgemeinschaft, sondern die Kirche als Fenster auf Gott hin repariert hat, so gut sie konnte: Theresa von Jesus. Aus ihren Schriften merken wir ihre große Menschlichkeit, unbestechlichen Realitätssinn, die Tiefe ihrer geistlichen Erfahrung und Weisheit, ihren gesunden Humor und ihr praktisches Organisationstalent. Sie war sich in ihrer Gradheit gewiss: Sichtbares und Unsichtbares, Irdisches und Himmlisches, Mysterium und Institutionalität der Kirche, Kontemplation und Aktion sind untrennbar aufeinander bezogen, im dreieinen Gott geborgen und gehören daher zusammen. Sie selbst wusste sich in dem geborgen, der uns ganz kennt, dem wir „mehr wert sind als viele Spatzen“, „der allein genügt“. Ihre eigene Zerbrechlichkeit hat die heilige Theresa angenommen, sie ganz Gott anvertraut und hingegeben. Deshalb ist diese Frau ein Teil im großen Fenster der Kirche, durch das das göttliche Geheimnis bis heute unverzerrt und gewinnend hineinleuchtet in das Leben vieler. Als Kirchenlehrerin hat Theresa von Jesus jetzt das letzte Wort in meiner Predigt – ursprünglich ein Vermächtnis an die Schwestern ihrer Ordensgemeinschaft, aber wohl auch eine Wegweisung für uns als einzelne und als Kirche: „Dein Verlangen sei, Gott zu schauen, - deine Furcht, ihn zu verlieren, - dein Schmerz, ihn noch nicht zu genießen, - deine Freude, dass er dich zu sich führen kann! Dann wirst du in großem Frieden leben.“ Amen.

(red)


Druckansicht
Zurück