Sonderausgabe im "Der Sonntag"
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"Der Sonntag" berichtet in einer Sonderbeilage über die 3. Diözesanversammlung.

„Gehen Sie den nächsten Schritt“

 

„... und sie zündeten ein Feuer an ...“ (Apg 28,2): Die Impulse des „Gemeinde-Tages“ prägten die Diskussion am 14. Oktober.

 

Pfarrer Helmut Ringhofer (Pfarre Groß Enzersdorf) berichtete von seinen Erfahrungen als Pfarrer mit drei Pfarren. „Eigentlich bin ich nur einmal Pfarrer, auch wenn ich drei Dekrete habe – aber ich versuche, in den drei Pfarren die Gemeinschaften in den Blick zu bekommen und zu schauen, was ich als Pfarrer für sie tun kann.“ „Strukturen dürfen sich ändern“, so Ringhofer, entscheidend sei die Frage: „Was dürfen wir fallenlassen, was bleibt unser Auftrag?“

„Wir bitten Sie, nicht alle Pfarren um jeden Preis zu besetzen. Jede Pfarre hat im Lauf von Generationen ihr eigenes Profil entwickelt. Die Gläubigen wünschen sich dort einen Pfarrer, der diesen Glaubensweg weiter mit ihnen geht und nicht versucht, ihnen einen ganz anderen Stil oder eine andere Art von Frömmigkeit aufzuzwingen“, sagte Vikariatsratsmitglied Helene Hornich (Dekanat Wien 13). Ihr Wunsch an alle Priester: „Traut uns zu, die Verantwortung mitzutragen. Findet und fördert die Charismen eurer Pfarrmitglieder.“ 

Die stv. Vikariatsratsvorsitzende von Wien-Stadt, Irmengard Thanhoffer, erklärte, man werde „gute Priester“ brauchen. Daher sollten die Zulassungsbestimmungen für Berufene nicht aus den Augen gelassen werden. Thanhoffer: „Ich glaube, eine Änderung ist notwendig. Auch bei anderen Themen, die so wichtig sind, wie wiederverheiratete Geschiedene, Zölibatsfrage, Sexualmoral – wir müssen dranbleiben.“

 

Vorsteher & Leitung

Schon in frühester Zeit der Kirche habe es Gemeinden in der Gemeinde gegeben, etwa Hauskreise, erinnerte  Kardinal Christoph Schönborn. Im Hinblick auf die Pfarrgemeinden: „Leitung, Eucharistie und Verkündigung müssen zusammen bleiben. Insofern ist es richtig, dass derjenige, der der Eucharistie vorsteht, auch in der Leitung und in der Verkündigung vorsteht, weil das eine innere Einheit hat.“

„Wenn Sie noch nicht wissen, wie die Lösung aussieht, gehen Sie den nächsten Schritt, der den Unterschied macht zum Bisherigen“, sagte der Paderborner Pastoraltheologe Christoph Jacobs: „Tun Sie das, was möglich ist. Dazu möchte ich alle Priester und Laien ermutigen. Das kann eines Tages auch ein Schritt über den eigenen Schatten sein.“  

 

Themenanwälte „Nicht mehr um Erlaubnis fragen“

Am 15. und 16. Oktober riefen die „Themenanwälte“ Wichtiges in Erinnerung: Pastoraltheologin Regina Polak hinsichtlich der „Welt und Gesellschaft“, die evangelische Oberkirchenrätin Hannelore Reiner hinsichtlich der „Bibel“ und der Paderborner Pastoraltheologe Christoph Jacobs hinsichtlich des Themas „Gemeinde“. 

Im Blick auf die Welt ortete Polak Tendenzen der Abschottung, „bei uns“ und an den Grenzen der EU. Im Blick auf die Kirche müsse sich „der Glaube als Weltpraxis bewähren“. Polak: „Kirche kann zeigen und mithelfen, dass Menschen untrennbar mit Gott verbunden sein können.“ „Kirche in der Welt“ verlange ein „Ja zur Situation“. Strukturen sollten „dem Wachstum dienen“, Pfarren könnten „Stimulatoren für Gemeinden und Gemeinschaften“ sein. 

Christoph Jacobs erinnerte in seinem Statement an die „Notwendigkeit der Evangelisierung“. Mission sei – nach einem Wort von Madeleine Delbrel – „die normale Frucht eines normalen christlichen Lebens“. Im Hinblick auf die „Eröffnung von Möglichkeitsräumen“ empfahl Jacobs, „dass alle diese Räume nutzen und jetzt nicht mehr um Erlaubnis fragen“. Gefragt sei „Fehlerfreundlichkeit, Geduld und Gelassenheit“. Eine Zielfrage sei entscheidend: „Wofür, für wen sind Gemeinden da?“ Jacobs warnte zugleich vor einer „Pastoral der Erschöpfung“, wenn sich jetzt alles „auf Gemeinde zentriere“.

Reiner verwies auf die „rettende Nähe Gottes“, wie sie bei der „Geschichte vom Schiffbruch vor Malta“ zum Ausdruck komme. Die Situation der Diaspora, der Zerstreuung, vor der die katholische Kirche auch in Österreich stehe, sei „eine Form des Christseins“. Schon am Tag zuvor hatte Reiner in ihrem Statement gewürdigt, dass die Diözesanversammlung „eingebettet“ sei in „Zeiten des Gotteslobs“ und dass sich die Delegierten „vom Wort der Heiligen Schrift klar ansprechen“ ließen.

 

„Die Sehnsucht  nach Gradheit“

In den Tagen der Diözesanversammlung habe er gespürt, dass es eine „große Sehnsucht nach Aufrichtigkeit und Gradheit“ gebe, „nach einer Gradheit, die von Jesus selber ausgeht“, sagte der Subregens des Wiener Priesterseminars, Richard Tatzreiter, in seiner Predigt am 15. Oktober im Stephansdom: „Wir sehnen uns geradezu danach, dass Gott seinen Masterplan‘ verwirklicht, in dieser Welt, in der Gesellschaft, in unserer Ortskirche.“

Pfarrer Clifford Gratian  Pinto (Rennweg, Wien 3) erinnerte in seiner Predigt am 16. Oktober an die „Nachfolge Jesu von Kindheit“ an. „Wie schaut es mit unserem Brotvorrat aus?“, fragte Pinto in seiner Auslegung der Brot-Rede des Johannes-Evangeliums (Kapitel 6). Es gelte, auch in der Erzdiözese Wien „den Jungen mit den fünf Gerstenbroten und den zwei Fischen zu finden“. Und zum „Schiffbruch vor Malta“: „Es ist stürmisch, mein Boot wackelt, aber ER ist stark.“

 

Weniger „Papier“, mehr Zeit für die Menschen

 

Gesprächsgruppen:  Wie es ist – und was jede/r einzelne künftig tun will.

 Alle 1.450 Delegierten waren am Nachmittag des 15. Oktober eingeladen, in den Gesprächsgruppen „Selbstverpflichtungen“ und „Wünsche“ auszusprechen. „Weiterbildung für Priester, Delegation und Sprachkurse“ wünschten sich die Teilnehmerinnen und Teilnehmer der Gesprächsgruppen „Pfarrgemeinderat“. Wort Gottes-Feiern sollten aufgewertet und der Veränderungsbedarf erkannt werden. Auch sei eine „klare Begriffs- und Kompetenzklärung“ angesagt. Gewünscht wird Information und offene Kommunikation (ein „brennendes“ Thema in fast allen Gesprächsgruppen), und eine Neuorientierung in dem, „was wir tun “, sowie die Balance von Gebet und Arbeit.

Die Wort Gottes-Feiern sollten gefördert, Authentizität sollte gelebt werden, so der Appell der „Gesprächsgruppe Pastoralassistentinnen und -assistenten“. Es gehe darum, „hinzuhören auf das, was der Herr und die Menschen sagen“. Auch diese Gruppe wünscht sich das Ernstnehmen der „Priesterfortbildung“ und der eigenen „Berufsgemeinschaft“. Zudem wird „Transparenz“ bei Um- und Neubesetzungen sowie hauptamtliche Begleitung für Veränderungen gewünscht.

Die Diakone wollen sich künftig durch mehr „öffentliche Stellungnahmen“ einbringen, die „Berufungspastoral fördern“, bei den „Nöten der Menschen sein“ und ihr „Leitungscharisma“ einbringen.

Die Teilnehmer der Gesprächsgruppen „Priester“ verpflichteten sich, „auf das eigene Kopfkissen“ (Markusevangelium 4,38)  zu achten und auf die Gesundheit zu schauen. Von der Diözesanleitung wünschen sich die Priester „klare Aufträge und Begleitung“. Mit der Sprache müsse „behutsam“ umgegangen werden. Es gehe um eine „Balance von Zeugnisgeben, Lehren und Hören“. Vor Ort in den Pfarren müsse das Zusammenwirken mit den Religionslehrerinnen und -lehrern gefördert werden. 

 

Lobby für Frauenfragen

Die Gesprächsgruppen „Orden“ verpflichteten sich, „Zeugen des Glaubens, Zeugen Jesu Christi“ zu sein. Es brauche „Oasen des Gebetes“ und „Vernetzung“. Die Orden möchten mehr und mehr „eine Lobby für Frauenfragen in der Kirche“ werden. 48 Prozent der Pfarren der Erzdiözese werden von Ordens-priestern geleitet, hier könnten auch Frauenorden „Verantwortung übernehmen“.

Die „Gemeinschaften“ setzen auf „Austausch“ und wollen „Netzwerke bilden“. Ihnen geht es um „Jüngerschaftsschulung“, um die Eröffnung von „Glaubensräumen“ und um den „Blick auf die Menschen“. Gewünscht wird eine diözesane Anlaufstelle für jene, die „Glaubensfragen haben“. An die Pfarren appellieren die „Gemeinschaften“, „keine Angst vor den Bewegungen zu haben“.

Die Gesprächsgruppen „Dienststellen“  betonten den „Servicecharakter“ ihrer Einrichtung(en). Diese sollten einander „ergänzen“ und „nicht als Konkurrenz“ sehen. Dienststellen verstünden sich als „Drehscheibe“, „Glaubens- und Basiswissen“ sollten gestärkt werden. Gewünscht wird eine „gute Begleitung bei Veränderungen, Transparenz bei Entscheidungen und Ressourcenverteilung“. 

Die Gruppen „Verschiedene Bereiche“ setzen auf „Wertschätzung“. Ehrenamtliche „können und wollen Mitverantwortung übernehmen“. Gewünscht wird „ein Eingebundensein in Entscheidungen“. Ältere Menschen sollten von der Kirche umfassend pastoral betreut werden, „nicht nur mit Kaffee“. Die Teilnehmer orteten eine „Sprachlosigkeit in Glaubensfragen“ und versprachen, „weniger Papier“ zu produzieren, und dafür „mehr Zeit für die Menschen aufzubringen“.           Kron

(Der Sonntag, Stefan Kronthaler)


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