Texte zu den Arbeitskreisen der 1. Diözesanversammlung
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Im Rahmen der 2. Diözesanversammlung stellte Dr. Regina Polak die Auswertungen der Berichte aus den Gesprächsgruppen der 1. Diözesanversammlung vor.

APG2010 – Texte zu den Arbeitskreisen
Überblick:
Wir haben uns hier versammelt, um Bilder für einen guten Weg der Kirche in eine schwierige Zukunft zu entwerfen. Zugleich werden wir konfrontiert mit der Vergangenheit unserer Kirche, der ihr eigener Ruf allzu oft wichtiger war als die Menschen, denen Gewalt angetan wurde. Diese Situation wird von den Medien auch dazu benützt, alle möglichen antikatholischen Themen abzuarbeiten. Dies macht die betroffenen Menschen erneut zu Opfern.
Etwas darf jetzt nicht passieren: Dass wir uns gekränkt und böse zurückziehen. Der Aufbruch in die Weite ist alternativlos, ob mit oder ohne Gegenwind. Ebenso alternativlos ist das Ringen um die Wahrheit. Das heißt: Leitende Perspektive in der Problematik „sexuelle Gewalt“ sind jene Menschen, deren Integrität und Würde verletzt würde. Wir müssen die Ursachen besser verstehen lernen. Dazu gehört auch die Frage nach jenen strukturellen und kulturellen Dimensionen, die in der Kirche sexuelle Gewalt begünstigen. Auch das gehört zur Transformation der Kirche, deshalb mache ich es zum Thema. Auch das ist Selbstevangelisierung. Und es ist Verantwortung aller – der Einzelnen und Gemeinden, der Bischöfe und der Kirchenleitung in Rom.
Damit zum Thema.
Ich habe Textprotokolle analysiert und eine von vielen möglichen Fragen gestellt: Wie wird auf den Transformationsprozess der Kirche reagiert, und zwar im Kontext zeitgenössischer Herausforderungen von Gesellschaft, Politik, Wirtschaft, Kultur? Denn diese stellen uns die Aufgaben, denen wir hier, jetzt und heute zu dienen haben in der Nachfolge Jesu Christi. ER zeigt uns, WIE wir handeln können und sollen.

Was zeigt ein Gesamtüberblick?
Transformation der Kirche heißt: Veränderung und Verwandlung. Kirche verändert sich durch gesellschaftliche Prozesse und ihr eigenes Tun. Verwandlung heißt: Gott selbst gibt ihr den Geist,
um die Veränderungen zu bestehen: Glaube,Hoffnung,Liebe,Leidensfähigkeit und Widerständigkeit, Mut und Kraft. ER gestaltet mit.
Die Teilnehmerinnen der Arbeitskreise zeigen ein sensibles Bewusstsein um die Lage der Kirche. Sie nehmen die Schwierigkeiten der Kirche klar wahr, in einer Großstadt und auf dem Land, das sich ebenfalls rasant verändert. Sie spüren die Nöte, die Krisen einer Gesellschaft im Umbruch; die Kommunikationsstörungen in der Kirche und zwischen Kirche und Gesellschaft. Sie leiden am Bedeutungsverlust, am Mitgliederschwund, an der Sprache der Kirche, an Zeitmangel, sie schämen sich für das öffentliche Bild der Kirche. Sie sind mutig und benennen die strukturellen Schwierigkeiten der Kirche, die daran hindern, die gegenwärtigen Aufgaben zu bestehen. Allem voran aber lieben sie ihre Kirche, erfahren sie als Heimat und möchten sie in eine gute Zukunft führen. Mitunter herrscht große Ratlosigkeit, wie das gehen kann. Die Aussagen beeindrucken in ihrer Offenheit und Bereitschaft zur Selbstkritik. Und immer wieder blitzen in den Texten brillante innovative Ideen und hoffnunggebende Erfahrungen auf. All dies ist ein Riesenpotential.
Aber: Warum werden die Entwicklungen in Europa, in der Welt, in Gesellschaft kaum explizit benannt? Wo sind die „Anderen“ außerhalb der Kirche (Andersgläubige, Migrant/innen, Notleidende, Lehrlinge, Arbeiterinnen, Unternehmer, Politiker, …)? Sie werden - mit Ausnahme des TB Caritas - selten konkret beim Namen genannt. Warum ist der Horizont so eng?
Nicht-kirchliche Menschen werden allzu oft defizitär beschrieben: Die Anderen fehlen – oder ihnen fehlt etwas. Die Anderen entsprechen nicht dem, wie sie sein sollten. Die Potentiale werden kaum explizit beschrieben.
Warum ist der Horizont so eng? Warum ist die Wahrnehmung so konzentriert auf binnenkirchliche Fragestellungen? Die strukturellen Rahmenbedingungen werden als eher hinderlich erfahren. Sie dienen nicht immer der Pastoral; so manche Regel muss man erst menschenfreundlich auslegen, ehe man handeln kann. Das  bindet Energie und blockiert Geist und Horizont. Groß ist auch die Trauer: Nichts ist so wie einmal war. Wo ist der Raum für diese Trauer? Auch die unausgedrückte Trauer engt den Horizont ein. Auch die Scham ist ein Thema - und wird es bleiben, wenn wir uns unserer Vergangenheit erinnern. Hier müssen wir lernen, die Perspektive der Opfer einzunehmen. Aber in der Erinnerung liegt der Weg zur Erlösung.
Ist vielleicht auch unser Bild von Gott zu enghorizontig? Gott erscheint in den Arbeitsgruppen als der liebende Gott, der dem Einzelnen unbedingt zugewandt ist. Zu dieser Sicht gibt es keine Alternative. Bloß: Wohin ist die Wahrnehmung des beunruhigenden Gottes verschwunden, der nicht nur einzelne, nicht nur die Kirche, sondern seine ganze Menschheit in die Freiheit führen und eine gerechte Welt schöpfen will?
Die Erinnerung an die biblischen Verheißungen weitet den Horizont: Das Reich Gottes ist schon angebrochen und unaufhaltbar im Werden, auch hier und heute, in der Erzdiözese Wien und in der österreichischen Gesellschaft. Deus semper maior. Gott ist immer größer als wir ihn denken.

Themenbereich 1: Liturgie
Die Fußwaschung im Johannesevangelium verdeutlicht die verwandelnde Kraft des Feierns: Jesus, der Meister, hält Mahl mit seinen Jüngern. Und dann drehen sich die Machtverhältnisse um: Der Meister wäscht seinen Jüngern die Füße. Petrus ist völlig verwirrt, er erkennt den Paradigmenwechsel und lehnt ihn zuerst ab. „Niemals Herr, sollst Du mir die Füße waschen“.  Aber Jesus belehrt ihn: „Wer sich von mir nicht die Füße waschen lässt, hat keinen Anteil an mir.“ Liturgie verändert die soziale Ordnung: Herren werden zu Dienern. Liturgie und Diakonie gehören untrennbar zusammen. Erst dann folgt die Wort-Verkündigung: „Wenn nun ich, der Herr und Meister, euch die Füße gewaschen habe, dann müsst auch ihr einander die Füße waschen. Ich habe euch ein Beispiel gegeben, damit auch ihr so handelt, wie ich an euch gehandelt habe.“ Die Macht der Kirche ist ihr Dienst an Anderen. Liturgie befreit zur Diakonie und verändert so die Welt.
Das Protokoll zeugt von einer hohen Sensibilität für die beiden „Pole“ der Liturgie: Gott und Mensch. Man weiß um die „Würde“ der Liturgie und möchte Gott darin gerecht werden; man möchte zugleich den Menschen gerecht werden: „die Leute abholen wo sie sind“. Beides möchte man verbinden. Ein Wunsch wird mehrfach geäußert, insbesondere von Priestern: Mehr Stille, mehr Möglichkeit, das Wirken Gottes erfahren zu können, mehr Spiritualität. Als Kriterien  für gute Liturgie gelten Lebendigkeit, Vielfalt und Alltagsrelevanz: Das Leben der Menschen soll zur Sprache kommen. Kommt es so zur Sprache, dass Gottesbegegnungen möglich werden? Sind die Gottesdienste so, dass jemand „wiederkommen“ möchte? Wohin schicken wir die Menschen, wenn dies passiert und einer möchte „mehr“?
Allen gemeinsam das Bemühen um die Form der Liturgie. Die Frage „WIE gestalten?“ steht im Mittelpunkt. Aber ist das „WAS“ so selbstverständlich? Die diakonal-politische Dimension der Liturgie wird zum Beispiel nicht eigens erwähnt. Auch die beunruhigende Kraft der Liturgie, die uns in Frage stellt, aufbrechen lässt, die Welt mitzugestalten, ist im Text kein Thema. Gott und der Einzelne stehen im Mittelpunkt. Was ist mit Gott und der Menschheit? Mit der Verantwortung der Kirche für die Menschheit?
Benedikt XVI formuliert das so: „Brot und Wein werden in Leib und Blut Christi verwandelt. Aber an dieser Stelle darf die Verwandlung nicht Halt machen, hier muss sie erst vollends beginnen. Leib und Blut Christi werden uns gegeben, damit WIR verwandelt werden. WIR sollen Leib und Blut Christi werden …. Anbetung wird Vereinigung. Er ist in uns selbst und wir in ihm. Seine Dynamik durchdringt uns und will von uns auf die anderen und auf die Welt im Ganzen übergreifen, dass seine Liebe wirklich das beherrschende Maß der Welt werde.“
Verwandeln unsere Gottesdienste uns und die Welt?

Themenbereich 2: Zeugnis geben
„Seid stets bereit, jedem Rede und Antwort zu stehen, der nach der Hoffnung fragt, die euch erfüllt; aber antwortet bescheiden und ehrfürchtig.“ So hören wir es im Petrusbrief. Diese Aufforderung verschränkt wunderschön die beiden Aspekte des Zeugnisgebens.
-    das Zeugnis des eigenen Lebens und seiner Hoffnungen
-    und die Möglichkeit und Notwendigkeit, diese Lebensweise zu begründen
Zeugnisgeben wird im Protokolltext als stärkste missionarische Kraft wahrgenommen. Die Kraft des Lebenszeugnisses wird als guter Grund für die Wahrheit des Glaubens verstanden. Diese Sicht steht in guter biblischer Tradition und konkretisiert Nachfolge Christi. Als besonders Dimensionen werden genannt: Authentizität, Bereitschaft zum Dialog, das Verwurzeltsein des Glaubens in konkreten Erfahrungen, der Mut zum Bekenntnis und das Zeugnis der Nächstenliebe. Allesamt stehen in der Tradition des Lebens und Handelns Jesu Christi.
Als hinderlich werden genannt: Der „gesellschaftliche Gegenwind“ und das „Alleinsein in der Gesellschaft“; Probleme mit der traditionellen Sprache und das Leiden an der Kirche; die als zu gering betrachtete Bildung in Glaubensfragen, der Argumentationsnotstand und eine zu wenig vertiefte Spiritualität. Hier braucht es die Unterstützung der Kirchenleitung und der Glaubensgemeinschaft vor Ort.
Ich riskiere ein paar Fragen:
-    Zeugen be-zeugen den Glauben, den sie für wahr erkannt haben. Aber reichen Bekenntnisse? Bekenntnisse ohne Begründungen bleiben Behauptungen. Erfahrungen ohne Nachdenken bleiben dunkel. Im Wunsch nach mehr Bildung zeigt sich, dass die Leute das wissen: Das Zeugnis braucht auch gute und vernünftige Gründe.
-    Was wollen wir mit unserem Zeugnis? Wir sind die Zeugen – die Anderen zu überzeugen? Sind nicht auch die Anderen Zeugen für den lebendigen Gott, vielleicht unerkannt, von denen wir lernen können? Ginge es nicht darum, einander zu begleiten in der gemeinsamen Suche nach der Wahrheit (DH 5)?
-    Auch Strukturen, Organisationsformen, Leitungsstile geben Zeugnis, oft wirksamer als Personen. Warum ist das Zeugnis der Strukturen kein Thema?
-    Können wir mit der Sprache unseres Glaubens auch die Erfahrungen anderer deuten, ohne diesen Gewalt anzutun?
Sind wir und unsere Kirche gebildete Zeugen?

Themenbereich 3: Glaubenswissen
„Darum geht zu allen Völkern und macht alle Menschen zu meinen Jüngern; tauft sie auf den Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes, und lehrt sie, alles zu befolgen, was ich Euch geboten habe. Seid gewiss, ich bin bei Euch alle Tage bis zum Ende der Welt.“ (Mt 28,-19-20).
Beachten Sie die Reihenfolge: Zuerst geht es darum, dass alle Jünger werden: Die Jünger aber sind griechisch die mathetes: die Lernenden. Jesus gibt einen universalen Lernauftrag. Mission heißt auch: eine Lerngemeinschaft werden. Erst dann folgen Taufe – und danach Lehre und Praxisgebote. Das Lernen hört dabei nicht auf, wir bleiben ja Jünger – Lernende.
Glaubenswissen dient dem Lernen. Es ist kein Selbstzweck. Glaubenswissen ist eingebettet in den Zusammenhang des Glaubenslebens: Wie lernt man, Christ, bzw. immer mehr Christ zu werden? Und welchen Beitrag leistet der Erwerb von Kenntnissen zur Mitgestaltung des Reiches Gottes?
Das Protokoll zeugt vom Wissen um die Zusammenhänge der Spannungsfelder von Glauben, Wissen, Erfahrung, Bildung und Lebensvollzug. Formuliert wird ein starker Wunsch nach gebildetem Glauben. Viele biblische, theologische und historischen Bezugnahmen und eine große Lust am Denken fallen hier auf.
Zwei kritische Anmerkungen:
-    Bildung und Wissen werden nicht klar unterschieden. Bildung wird mitunter auf das Kognitive verkürzt. Dass Vermittlungskonzept dominiert. Kirche erscheint als Glaubensvermittlerin – und die Anderen lernen. Aber: Was lernt die Kirche von den Lernenden? Wie hängt Glaubenlernen mit Handeln zusammen? Wie kann man sich Vermitteltes aneignen? Wie lernt man überhaupt?
-    Diese Einseitigkeit erklärt vielleicht auch die Klage, dass die Kinder „nichts mehr mitbringen“ und der „Religionsunterricht“ zu wenig leistet. Ersteres ist theologisch schlichtweg falsch, zweiteres verkennt Rolle und Aufgabe des Religionsunterrichtes als gelehrte Religion im Unterschied zur gelebten Religion. Diese kann man nur mit anderen Christinnen lernen. Wie sieht eine zukünftige Rollenverteilung der kirchlichen Einrichtungen beim Glaubenlernen aus?
-    Schließlich: Was wir über unseren Glauben wissen und gelernt haben: Können wir etwas beitragen, dass Andere ihr Leben damit tiefer deuten können? Dient all unser Wissen, unsere Reflexion dem Glaubenswachstum – mit all seinen Höhen und Tiefen, Zweifeln und Fragen, Antworten und Überzeugungen?
PS: Auch Jesus hat gelernt. Die syrophyzinische Frau überzeugt ihn mit guten Gründen, warum er auch für die Heiden da ist. Das können wir auch.

Themenbereich 4: Diakonie
„Wenn jemand sagt: Ich liebe Gott!, aber seinen Bruder hasst, ist er ein Lügner. Denn wer seinen Bruder nicht liebt, den er sieht, kann Gott nicht lieben, den er nicht sieht.“, so Johannes in seinem ersten Brief.
Liebe zum Nächsten ist nicht primär moralische Folge der Gottesliebe. Liebe ist der  elementarste Ausdruck der Gottesliebe. In der Liebe zeigt sich, ob der Gottesglaube echt ist – und mehr noch: Liebe ist der Urereignisort Gottes. „Wer nicht liebt, hat Gott nicht erkannt; denn Gott ist die Liebe.“ (1 Joh).
Liebe – Caritas, Diakonie – umfasst neben der Herzliebe auch das tätige Handeln für und mit Anderen. Das hat eine soziale Dimension – und eine politische Dimension. Denn zur Liebe gehört im biblischen Verständnis untrennbar der Einsatz für Gerechtigkeit. Das caritative Handeln der Kirche gehört daher genauso ins innerste Herz der Kirche wie das liturgische Leben.
Der Text der AG Caritas zeigt ein reflektiertes Bewusstsein dieser Zusammenhänge. Er brilliert durch eine differenzierte Auseinandersetzung. Dies erklärt auch seine Klagen: Der Bereich Caritas wird nicht ausreichend als konstitutiver Lebensvollzug der Kirche wahrgenommen und oft „outgesourct“. Professionelle und alltägliche Caritas von Christ/innen haben sich vielfach voneinander gespalten. Und die innere Verbundenheit der kirchlichen Grundaufträge – dass Liturgie, Caritas, Verkündigung keine Sonderbereiche sind – ist vielfach aus dem Bewusstsein der hiesigen Kirche verschwunden. Hier werden auch konkrete gesellschaftliche Brennpunkte angesprochen: Asylgesetzgebung, Fremdengesetz, Kranke und Arme Menschen in Österreich…. Die Caritasvertreter der ED Wien zeigen sich hier als das „Auge der Kirche“, wie ein syrischer Text des 5. Jahrhunderts einst die Aufgabe der Diakone beschrieb.
Der größere europäische und globale Horizont der sozialen und politischen Probleme wird freilich auch hier nicht reflex erwähnt. Und inwiefern Sorge und Einsatz um Gerechtigkeit – der Begriff fehlt auch hier – in sich Gottesbegegnung ermöglichen, ist eine Frage an alle. Auch die Caritas ist ein unverzichtbares Zeugnis missionarischen Handelns.
PS: Die Fassung des Gebotes der Nächstenliebe in der Übersetzung von Martin Buber: Halte lieb Deinen Genossen, Dir gleich. Das ist provokant, weil es den Blick auf den Anderen als Maßstab richtet. Liebe Deinen Nächsten. Er ist wie Du.

Themenbereich 5: Gemeinde
„Und alle, die gläubig geworden waren, bildeten eine Gemeinschaft und hatten alles gemeinsam. Sie verkauften Hab und Gut und gaben davon allen, jedem so viel, wie er nötig hatte. Tag für Tag verharrten sie einmütig im Tempel, brachen in ihren Häusern das Brot und hielten miteinander Mahl in Freude und Einfalt des Herzens. Sie lobten Gott und waren beim ganzen Volk beliebt.“ (Apg 2,44)
Eine ziemliche Vorgabe. (Keine Sorge, das NT ist auch ein Beleg, wie viel in diesen Gemeinden gestritten wurde!)
Ohne Gemeinde gibt es kein Christentum. Der Glaube ist kein Tet a tete zwischen mir und Gott, sondern vollzieht sich „in Sammlung und Sendung“. Gemeinsam leben und feiern, einander dienen, das Wort verkünden – im Dienst der Menschen, auch und gerade außerhalb. Christsein braucht Verortung. Diese kann viele Formen und verschiedene Phasen haben. Hier ist viel nachzudenken, wie das heute aussehen kann.
Gemeinde als theologische Größe kann verschiedene soziale Formen haben. Die Verfassung der katholischen Kirche als Bischofskirche bietet hier große Freiheiten. Unverzichtbar ist dabei das lokale Element (Kirche vor Ort bei den Menschen), möglich und sinnvoll sind viele kategoriale und noch neu zu erfindende Formen. Welche Organisationsformen man braucht, bestimmt sich jedoch nicht zuerst vom Geld und den verfügbaren Priestern her, sondern von den Aufgaben und Zielen, die vor uns stehen. Diese können nur gemeinsam entwickelt werden.
WEIL die Kirche vor Ort so wichtig ist, zeigen sich nirgendwo in den Protokollen die gegenwärtigen Probleme der Kirche so deutlich. Zeitdruck, Belastungen, Nachwuchsprobleme – aber auch eine große Bereitschaft, zu lernen und etwas zu verändern. Und brillante Fragestellungen: „Wozu wollen wir überhaupt, dass Leute zu uns kommen?“ Ebenso viele gute Lösungsideen, theologisch gut argumentierbar. Auch die Selbstkritik ist ausgeprägt: Pfarrerzentriertheit, Glaubensschwierigkeiten, Aktivismus, Mangel an Spiritualität. Zugleich werden die Behinderungen durch kirchliche Rahmenbedingungen hier am schärfsten wahrgenommen. Die Menschen fühlen sich von der Kirchenleitung im Stich gelassen, in einer schwierigen Situation noch dazu. Der mangelnde Mut der Hirten wird beklagt.
Gemeinden sind nach wie vor als lokale Netzwerke und Basisstationen unersetzliche Ressourcen einer reichen Kirche. Sie brauchen geistliche und strukturelle Unterstützung. Sie brauchen die Bereitschaft zur Verwandlung, aber auch die Bereitschaft der Kirchenleitung, von den Problemen der Gemeinden zu lernen und zu reagieren. Dabei kann helfen, wenn alle Beteiligten den Horizont weiten: Nicht nur die Mängel, auch die Möglichkeiten wahrnehmen; die Aufgaben der Gesellschaft wahrnehmen und sich in die Tradition tiefer verwurzeln, all das ist gegenwärtig möglich.
Diese Versammlung kann diese Probleme nicht lösen, aber hier braucht es wohl die intensivste Nacharbeit. Wir brauchen Gemeinden vor Ort. Diese können verschiedene Formen haben.

Themenbereich 6: Gesellschaft
Die Apostelgeschichte berichtet von „Pfingsten“ als der Geburt der Kirche. Dabei fällt auf: Plötzlich verstehen einander fremde Menschen, können fremde Sprachen sprechen, und jeder versteht die Botschaft in der eigenen Sprache. Die Differenzen zwischen Menschen und Sprachen sind plötzlich sekundär. Dies löst ein solches Brausen aus, dass „alle herbeiströmen“. „Sind das nicht alles Galiläer, die hier reden? Wieso kann sie jeder in seiner Muttersprache hören?“ Die Gesellschaft ist bestürzt und voller Fragen. Hier geschieht, was heute auch geschehen könnte: Wir lernen die Sprache der Anderen und können unsere Botschaft in ihr ausdrücken.
Der Text des Arbeitsbereiches zeigt eine große Bereitschaft, die Stimme in der Gesellschaft zu erheben und die Option für die Benachteiligten zu treffen. Caritas ist hier also Thema. Kirche wird als Anwältin für die Schwachen verstanden. Auch soll die Kirche offen sein, zuhören und dialogisch sein.
Aber warum sagt der Text dann nicht, wer die Benachteiligten konkret sind? Warum erscheint die Kirche primär als „Vorbild“, als „Gegenüber der Gesellschaft“, als „Lehrerin“? Gesellschaft als locus theologicus, als Lernort der Kirche, als Ereignisort Gottes, ist kein Thema, primär werden die Mängel der Gesellschaft beklagt. Kirche als Lernende ebenso wenig. Man bewertet die Gesellschaft  nach den kirchlichen Maßstäben. Wäre es nicht auch wichtig, sich selbst als Kirche mit den Augen der Anderen wahrzunehmen? Die Orte guter Praxis zu suchen und zu fördern?
Auch hier dominiert der Blick auf die kirchlichen Binnenprobleme und das Leiden an diesen die Außenwahrnehmung und verengt den Horizont. Beides ist zugleich zu lernen: Die inneren Probleme mutig angehen, den Horizont des Blickes auf die „Welt da draussen“ mutig weiten. Das ist kein Entweder-Oder, das kann nur sowohl – als auch geschehen.
„Gaudium et Spes“ hat das Verhältnis Kirche und Welt geklärt: Kirche in der Welt, das ist kein Gegenüber, das ist ein – durchaus kritisches und konfliktives, aber immer loyales und solidarisches Miteinander, vorgelebt in Jesus. Und es gibt verschiedene Formen – Salz der Erde und Stadt auf dem Berg. Salz entfaltet seinen Geschmack, wenn es sich auflöst, die Stadt auf dem Berg leuchtet der Gesellschaft. Beides ist nötig.

Themenbereich 7: Familie- und Lebensformen
„Als Jesus noch mit den Leuten redete, standen seine Mutter und seine Brüder vor dem Haus und wollten mit ihm sprechen. Da sagte jemand zu ihm: Deine Mutter und deine Brüder stehen draußen und wollen mit dir sprechen. Dem, der ihm das gesagt hatte, erwiderte er: Wer ist meine Mutter, und wer sind meine Brüder? Und er streckte die Hand über seine Jünger aus und sagte: Das hier sind meine Mutter und meine Brüder. Denn wer den Willen meines himmlischen Vaters erfüllt, der ist für mich Bruder und Schwester und Mutter.“ (Mt 12,46)
Jesus formuliert hier die Idee der „Familia Dei“: Die Familie Gottes. Wer Gottes Willen tut, gehört dazu. Innerhalb dieser Familie kennt die kirchliche Tradition verschiedene Lebensformen: den Ehestand, den Ordenstand, den zölibatären Priester. Auch die Gesellschaft kennt verschiedene Lebensformen: Singles, Verheiratete, Lebensgemeinschaften, Familien. Dazwischen gibt es viele Fragen und Konflikte. Und einen pastoraltheologischen und lehramtlichen Forschungsnotstand mit zahlreichen Konfliktfeldern und Tabus, wenn ich das so frei sagen darf. Wie wenig hilfreich das ist in der Pastoral, zeigt auch folgende Tatsache; ich zitiere aus dem Text des AK: „Warum sind die anderen beiden Arbeitsgruppen „Wir als Frauen und Männer“ und  „Neue Lebens- und Familienformen“ wohl nicht zustande gekommen?“
Zugleich ist sich diese AG der gesellschaftlichen Brisanz des Themas und der Handlungsnotwendigkeit bewusst. Wahrnehmbar ist viel guter Wille, Ehe und Familie zu stärken. Aber wie, wenn es scheint, als dürfe manches nicht beim Namen genannt werden? Es gibt auch eine prinzipielle Offenheit für andere Lebensformen als Absichtserklärung – aber wie? Dazu lassen sich durchaus kritische Anfragen an das kirchliche Familienbild finden. Orden und Priester werden wenig thematisiert, der Text lässt eine „traurige“ Grundstimmung erkennen. Frage: Wie können wir lernen und zeigen, wie die verschiedenen Lebensformen gelingen können – als Priester, als Ordensmann und Ordensfrau, als Ehepaar? Zentral dabei ist vielleicht weniger das Erfüllen von Idealen (Der Weg zur Hölle ist mit guten Vorsätzen gepflastert), sondern zeigen, wie Leben in Christus gelingt - mit all seinen Höhen und Tiefen, in seiner Fülle und mit seinen Brüchen.
Wie kein anderer Bereich stellt dieser Themenbereich viele Fragen an uns als Kirche. Kennen wir die Situation der Menschen – insbesondere der jungen Menschen - wirklich ausreichend? Was ist an unserer Tradition tatsächlich unverzichtbar? Und wo sind die Räume, wo man verstehen möchte und kritisch nachdenken kann, quer durch alle „Lager“, die es in der Kirche zu diesem Lebensthema gibt?

(red)


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